Hier findest du ein paar interessante ausgewählte Artikel von .alf Eltern und .alf LehrerInnen aus Jahresberichten der vergangenen Schuljahre:

Grundpfeiler einer funktionierenden Schulgemeinschaft dieser Art

Nach zehn Jahren Mitgestaltung an der Schule ist Robert Rataj ab dem Schuljahr 2012/13 .alf Rentner. Die Pension genießt er mit Beate Rataj, ebenfalls keine Unbekannte. Ihre beiden Töchter (Nathalie und Saskia) haben die Schulpflicht abgeschlossen und sind nach der .alf andere (Schul-)Wege gegangen. Beate Poitschek-Rietveld führte dazu ein kleines Interview und erinnert sich an ihren ersten Kontakt mit Robert.

Beate Poitschek-Rietveld:  Daran kann ich mich noch gut erinnern. Im zweiten Schuljahr mit Jan an der .alf habe ich die Schriftführung übernommen. Als ich Robert anrief, meldete er sich mit „Bestattungsinstitut, wie kann ich ihnen weiterhelfen?“ (oder so ähnlich). In diesem kurzen Telefonat hatte Robert drei wichtige Ratschläge, was die .alf und die Eltern(mit)arbeit betrifft. Diese Basics merkte ich mir, wenngleich sie nicht immer einen leichten Weg in die Realität finden:

  1. Es ist nie fertig.
  2. Tu nur soviel wie deine Ressourcen zulassen. Wir haben immer wieder Eltern gesehen, die zu Beginn sehr engagiert waren und letztlich gegangen sind, weil ihnen das Drumherum zu viel wurde. Damit ist niemandem geholfen.
  3. Du kannst mich jederzeit fragen und anrufen.

Beate Poitschek-Rietveld: Wie schaut es aus ….hast du einen „Pensionsschock“ nach deiner .alf Zeit?

Robert Rataj: Nein. Einerseits habe ich mich drei Jahre lang schrittweise aus der .alf zurückgezogen, andererseits geht mir immer die Zeit aus für all das, was ich machen will, und nicht umgekehrt. Allerdings hatte ich unmittelbar nach der Niederlegung der Obmann-Funktion ca. drei Monate mit dem Gefühl zu kämpfen, in der .alf nicht mehr wichtig zu sein, nicht mehr gebraucht zu werden. Das hat sich dann gegeben.

Beate Poitschek-Rietveld:  Du warst sechs Jahre .alf Obmann und zehn Jahre mit der Schule verbandelt. Was sind für dich die essentiellen Grundpfeiler einer funktionierenden Schulgemeinschaft dieser Art? Was die absoluten Do’s and Don’ts?

Do’s:

  • Ein respektvoller und wertschätzender Umgang miteinander.
  • Konsensentscheidungen suchen – die sind langlebiger und langfristig unproblematischer, als solche, die (vermeintlich) einfach durch Mehrheitsentscheid getroffen werden.
  • Klarheit, Genauigkeit, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit – bei allen Vereinbarungen, Regeln, Überprüfung der Einhaltung, Konsequenzen und deren Umsetzung. Dennoch im Bedarfsfall Ausnahmen möglich machen, allerdings nur mit Zustimmung der zuständigen Gremien.
  • Den Mut haben, sich von Mitgliedern zu trennen, wenn sie für die Gruppe zur untragbaren Belastung werden.
  • Eine anerkannte Instanz (Einzelpersonen, Gremien), wo die Informationen zusammenlaufen, die jederzeit „da ist“ und sich verlässlich um die Anliegen kümmert. Das bedeutet nicht „Jeder bekommt immer, was er will.“ Das ist nicht möglich, den Gruppenmitgliedern aber in aller Regel auch einsichtig.
  • Die Probleme aktiv lösen, solange sie „klein“ sind. Auf Zeit zu setzen, führt normalerweise nur dazu, dass die Probleme immer größer und unlösbarer werden.
  • Trennung Schule/Privates. Bei SLG, EA, GV, Klausur möglichst nur für die Schule relevante Themen besprechen. „Private“ Initiativen und Veranstaltungen (wie Schulausflug, etc.) sind begrüßenswert, sollen aber unbedingt freiwillig bleiben und auch nicht das Gefühl vermitteln, man versäumt etwas, wenn man nicht teilnimmt.

Don’ts

  • Tabuthemen unter den Erwachsenen. Ich war immer wieder überrascht, wie offen und konstruktiv die Menschen auch mit für sie unangenehmen Themen umgehen, wenn es gelingt, den richtigen Rahmen (Respekt, Wertschätzung, Vertrauen, Verlässlichkeit) zu schaffen.
  • Vor oder gar mit den Kindern über Diskussionen und Konflikte der Erwachsenen reden. Was immer wieder als „Wir reden zu Hause offen über alles“ präsentiert wird, hat fatale Auswirkungen auf die Kinder, ihr komplexes Beziehungsgeflecht in der .alf und nicht zuletzt auf das Klima in der .alf insgesamt. Dieses Don’t ist umso strikter hand zu haben, je jünger die Kinder sind.
  • Lager- und Grüppchenbildung. Wirklich zerstörerisch sind meist nicht die Schwierigkeiten, die von außen kommen, sondern die internen Konflikte. Sie binden die Ressourcen, die so dringend für die Aufgaben gebraucht werden, die erledigt werden müssen, damit die Schule gut funktioniert.

Wir müssen das vorleben, was wir unseren Kindern vermitteln wollen. Die Kinder orientieren sich daran, was und wie wir es tun und kaum bis gar nicht an dem, was wir sagen.

Beate Poitschek-Rietveld: Muss jede Elterngeneration die .alf wieder neu erschaffen? Ändern sich die Strukturen, weil die Zeiten und die mitwirkenden Personen anders sind oder gibt es „evolutionär“ entstandene Strukturen, die nachhaltig von allen akzeptiert wurden und werden?

Robert Rataj: Sie muss die .alf nicht neu erschaffen, aber sie für sich passend machen. Die Strukturen folgen den handelnden Personen und die wechseln immer wieder – ein strukturelles Problem und gleichzeitig eine Chance. Es geht immer wieder viel Wissen und Erfahrung verloren. Andererseits müssen immer wieder neue Wege und Lösungen gefunden werden, es gibt dadurch weniger Betriebsblindheit und starre Lösungsansätze.

Strukturen werden nur akzeptiert, wenn sie von der überwiegenden Mehrheit als gut und sinnvoll erachtet werden UND gelebt werden. Lange Zeit habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie man die „.alf Geschichte“ – das was alles passiert ist und passieren musste – lebendig halten kann. Mittlerweile bin ich zum Schluss gekommen, dass Erfahrungen und der Weg, wie es zu Entscheidungen gekommen ist, schwer bis gar nicht vermittelbar sind, wenn die Personen, die sie selbst erlebt haben, abhanden kommen. Schriftliche Dokumentationen sind in vielen Bereichen hilfreich, aber untauglich, wenn es darum geht, die Idee und Geschichte der .alf weiter zu geben. Dokumente können keine Emotionen vermitteln, man kann sie nichts fragen. Es bräuchte einen Geschichtenerzähler oder eine Geschichtenerzählerin.

Beate Poitschek-Rietveld: In einem Mail bezeichnest du als „Falle “ unseres Schulsystems, dass die Kinder weniger Stress, dafür die Eltern umso mehr davon haben… Das ist glaube ich etwas, was wir alle ein wenig spüren. Hast du ein Rezept, wie man als Eltern, als Familie damit zurecht kommt?

Robert Rataj:  Die eigenen Grenzen spüren und sie achten. Das ist banal und abgedroschen, dennoch verstoßen wir immer wieder dagegen, vor allem in den „guten“ Zeiten. Die .alf bietet u.a. die Möglichkeit für uns Eltern, auch noch einmal in die Schule zu gehen, sie zu gestalten, etwas zu bewegen. Das bringt Freude und Befriedigung und bestärkt einen, sich immer stärker zu engagieren. Bis irgendwann etwas schief geht. Zur Enttäuschung und Frustration spüren dann viele auch erstmals die (Über-)Anstrengung durch ihr Engagement in der Schule. Es gilt, sich von Anfang an vor Augen zu halten, dass auch in der .alf nicht immer alles nur schön und gut sein kann. Der Einsatz für die Schule soll nicht dazu führen, die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen, sonst taucht bald die Frage auf: „Ich zahle und arbeite so viel und dann DAS????“

Beate Poitschek-Rietveld: Und was bist du eigentlich tatsächlich von Beruf?

Robert Rataj: Ich arbeite in der Sozialversicherung (BVA) in der EDV-Abteilung. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Programme, die aufgrund der Anforderungen der Fachabteilungen entwickelt werden, auch das tun, was sie leisten sollen.

Beate Poitschek-Rietveld: Im Rahmen meiner Schriftführungstätigkeiten ist mir ein handgeschriebenes Protokoll aus dem Jahr 2003 untergekommen. Darauf stand zu lesen:

„Die Sitzung des SLG am 10.6.2003 ist nicht zustandegekommen, da außer mir bis 17:55 Uhr niemand erschienen ist. Robert“

Kam das öfter vor?

Robert Rataj: Nein. Ich kann mich an dieses Ereignis nicht mehr erinnern und wenn das öfter vorgekommen wäre, würde ich mich daran erinnern. Ich kann daher auch nicht mehr sagen, aus welchem Grund das Schulleitungsgremium damals nicht zustandegekommen ist. Eine Anmerkung dazu: Das beschriebene Protokoll vermittelt vielleicht den Eindruck, als wär ich der letzte Wackere gewesen. Natürlich war es immer so, dass es mehrere Menschen gegeben hat, die für die .alf persönliche Verantwortung übernommen und sich weit über das vereinbarte Mindestmaß hinaus für die Schule eingesetzt haben. Einer alleine steht auf verlorenem Posten.

Beate Poitschek-Rietveld: Würdest du nochmals die Obmannschaft übernehmen?

Robert Rataj: Ja.

Beate Poitschek-Rietveld: Würdet ihr als Familie noch einmal die .alf wählen?

Robert Rataj: Ja.

Beate Poitschek-Rietveld: Lieber Robert, danke für das Interview!

 

Robert Rataj: Verträge, Regeln, Organisation, Strukturen – brauchen wir das alles wirklich?

Meine kurze Antwort:
Ja. Und Ausnahmen und Konsens.

Die lange Antwort:
Was immer ich mir auch erwartet hatte, ich hatte mich gründlich geirrt.

Hier war es zumindest eines definitiv nicht, nämlich lustig. Ich war mehr als überrascht. Wir hatten das ganze Aufnahmeprozedere erfolgreich hinter uns gebracht. Was ich beim Schnuppertag gesehen hatte, hatte mich darin bestärkt, absolut das Richtige zu tun. Nathalie ging nun bereits einige Wochen in die .alf und es war mein erster Elternabend. Während die Kinder offenbar sehr gern in die Schule gingen, war es bei den Erwachsenen genau umgekehrt. Eine Mischung aus Gereiztheit, Frustration, Sorge um den Fortbestand der Schule lag in der Luft.

Vom ersten Tag, als ich mit der .alf in Kontakt gekommen war, hatte mir etwas gefehlt. Offensichtlich fühlte sich niemand für mich zuständig. Ich musste allen Informationen hinterherlaufen. Wenn ich jemand fragte, wurde mir sehr hilfsbereit Auskunft gegeben, aber eben nur, wenn ich fragte. Vom Aufnahme-Elternabend erfuhr ich erst am Tag davor und das auch nur, weil die Tochter eines damaligen Bekannten bereits die .alf besuchte. Aber das alles sollte sich noch als fast schon vernachlässigbare Herausforderung herausstellen.

Ich besuchte brav die Elternabende und wuchs ins System .alf hinein. Auch in die anstehenden Probleme. Was nicht weiter schwer war, weil bei jedem Elternabend dasselbe besprochen wurde und sich bis zum nächsten nichts geändert hatte. Es gab eine Vielzahl an greifbaren Problemen – zu geringe SchülerInnenzahl, finanzieller Engpass, LehrerInnenmangel, etc. Und eine noch größere Zahl an auf den ersten Blick nicht greifbaren Schwierigkeiten: alte Verletzungen und Kränkungen, schwelende Konflikte, informelle Grüppchen, offene Rechnungen, Ängste, die ihre Wurzeln im konfliktgeladenen Abgang bzw. der Kündigung zahlreicher Familien und einiger LehrerInnen einige Monate zuvor hatten. Zum Drüberstreuen waren die Einzelprobleme manchmal noch ineinander verzahnt.

Ein Beispiel:
Die Kassierin regt an, den Elternbeitrag zu erhöhen, da wir sonst zahlungsunfähig würden. Mutter A verweigert die Zustimmung mit dem Argument, dass sie sicher nicht mehr zahlen würde, solange wir so hohe Außenstände (= Schulden bereits ausgetretener, aber auch noch „aktiver“ Eltern, zum damaligen Zeitpunkt in Summe ca. 14.000,– Euro) hätten. Die darauf angesprochene Mutter B, eine der SchuldnerInnen, sagt, dass sie ihre Schulden, die aus nicht geleisteter Elternarbeit entstanden waren, erst zahlen würde, wenn Familie C (die nicht beim Elternabend anwesend ist) endlich die seit langem angekündigte Spende zahlen würde, die sie als Gegenleistung für nicht geleistete Elternarbeit zugesagt hatte.

Alles klar?

Was ich in meiner Blauäugigkeit damals nicht verstand, war: Warum tut keiner WIRKLICH was? Es war völlig klar, dass sich säumige Eltern sicher fühlten. Das höchste der Gefühle war die leise Androhung von Konsequenzen und dass „wir“ da jetzt was ändern müssten. Es war augenscheinlich, dass sich mit „wir“ in Wahrheit niemand angesprochen fühlte, und die, die es doch versuchten, scheiterten am nicht vorhandenen Rückhalt der Gruppe, wenn mit irgendeiner Konsequenz tatsächlich hätte ernst gemacht werden sollen.

„Das können wir doch den Kindern nicht antun.“ – Und schon war das Thema wieder vertagt. Dementsprechend wurde von einigen – und es waren verhältnismäßig viele – nicht gezahlt, nicht geputzt, nicht gekocht, nicht gearbeitet. Dann gab’s die Eltern, die ihre Pflichten erfüllten, aber sich sonst eher heraushielten. Schließlich noch die „Zugpferde“, die machten und taten, aber zunehmend frustriert waren, da sie sich immer mehr abrackerten, in Summe immer weniger weiterging und andere immer weniger für die Schule arbeiteten.

Ich erzähle das deshalb hier so ausführlich, weil ich von der Elternseite her der letzte Dinosaurier bin, der diese Zustände in voller Breite noch selbst miterlebt hat. Als Bild, wie es aussehen kann, wenn man die Dinge schleifen lässt.

Derzeit ist das alles nicht vorstellbar. Es ist ganz klar, dass der Schulbeitrag gezahlt wird, es verlässlich Mittagessen gibt, die Schule stets sauber ist, die Eltern sich aktiv um die Elternarbeit kümmern. Dass es Gremien gibt, an die man sich wenden kann, wenn Fragen oder Probleme auftauchen und die dann auch tatsächlich etwas tun. Wenn ich heute um Unterstützung beim Keller-Entrümpeln ersuche, melden sich genug Eltern, und sie kommen auch alle tatsächlich. Mit Auto und überpünktlich. Wenn man die früheren Zustände nicht miterlebt hat, kann man sich fast nicht vorstellen, was für einen Unterschied das alles macht.

Um die Kirche im Dorf zu lassen: Es liegt mir fern, die .alf pauschal oder einzelne Eltern nachträglich schlecht zu reden, oder sie jetzt in den Himmel zu heben. Es wurde damals wie heute mit enormem persönlichen Einsatz hervorragende Arbeit geleistet, sowohl von den LehrerInnen, als auch von den Eltern. Eine Schule zu gründen und sie am Leben zu erhalten, wo die Kinder so gut betreut werden, gegen alle inneren und äußeren Widerstände, ist eine unglaubliche Leistung.

Was allerdings Struktur, Organisation, Konsequenz innerhalb der Elterngruppe, als Schule nach außen hin, aber auch im Umgang mit den LehrerInnen betrifft– die waren schlichtweg so gut wie nicht vorhanden bzw. wurden nicht gelebt.

Wie alles hat aber auch die Entwicklung, die wir in den letzten Jahren durchgemacht haben, zwei Seiten. Die .alf ist auch heute nicht das Paradies, so wie sie auch bei meinem Eintritt kein furchtbarer Ort war. Sicher ist durch dieses Hin zu mehr Organisation, Struktur und Konsequenz auch etwas verlorengegangen. Nicht alle haben die Entwicklung gut geheißen. Einige haben uns verlassen, von einigen haben wir uns getrennt. Was gewesen wäre, wenn… – das werden wir in diesem Leben eh nicht mehr erfahren. Fakt ist, dass wir heute dort stehen, wo wir stehen, und dass wir uns mit den oben erwähnten Problemen, die alles andere so sehr lähmten, die soviel Zeit und Energie vergeudet haben, nicht mehr herumschlagen müssen.

Wie ist das gelungen?
Durch mühevolle, konsequente Kleinarbeit, millimeterweise Schritt um Schritt auf allen Gebieten. Ich war hoch motiviert, mich für diese Schule einzusetzen, aber oft genug nicht wirklich überzeugt, dass dieses oder jenes Ziel jemals erreichbar wäre.

Thema Außenstände: Ich erinnere mich noch gut, wie ein anderer Vater eigentlich alles gesagt hat, was zum Thema Schulden zu sagen war: „Wir wollen keine Außenstände mehr haben.“ Ich war natürlich auch dafür, hatte aber insgeheim die größten Zweifel, dass wir dieses Ziel jemals erreichen würden. Wir haben uns an die Arbeit gemacht und Punkt für Punkt abgearbeitet, während zwischendurch immer wieder, mit der Zeit aber immer weniger neue „Fälle“ dazugekommen sind. Wir haben auch nicht das ganze Geld bekommen, einen ordentlichen Batzen mussten wir schlussendlich einfach abschreiben.

Den von mir so heiß ersehnten Zeitpunkt der Erreichung dieses Ziels hab ich dann sogar verschlafen. Irgendwann fragte ich unsere Kassierin, wie das denn jetzt sei mit den Außenständen. Sie sah mich nur verwundert an und sagte: „Das ist eh schon seit Monaten erledigt, wir haben keine mehr.“ Schlussendlich war es einfach passiert, ganz ohne Trara, wie wenn es das Natürlichste auf der Welt wäre.

Auch in anderen Bereichen ist es so gewesen, so haben wir z.B. heute eine sehr gute Elternbetreuung für Neueinsteiger von der ersten Minute an. Konflikte werden nicht durch Schreiduelle beim Elternabend „gelöst“, sondern in Gesprächen dort, wo sie hingehören.

Das klingt jetzt alles nach schöner neuer Welt, aber gemessen an den früheren Zuständen und unseren Möglichkeiten, die sich schlussendlich auf das Engagement der LehrerInnen und Eltern reduzieren, leisten wir insgesamt sehr, sehr viel und das auf sehr hohem Niveau.

Ich hab mir meinen Ruf als Hardliner redlich verdient und finde nach wie vor, dass das der langfristig beste Weg ist. Regeln, die gemeinsam beschlossen werden, sind von allen einzuhalten, zu überwachen und bei Nichteinhaltung muss es Konsequenzen geben. Punkt.

Also nicht wirklich ganz Punkt, denn ich bin ebenso ein überzeugter Ausnahme-Macher und Konsensianer (oh, das Grammatikprogramm springt an, das Wort scheint eine Erweiterung der deutschen Sprache zu sein).

Ausnahmen sind unabdingbar, weil durch auch noch so ausgefeilte Regelungen niemals alle Eventualitäten abgedeckt werden können. Es muss möglich sein, jederzeit und über alles reden zu können, und im Bedarfsfall Ausnahmeregelungen zu treffen. Das alles aber immer wiederum nur auf Basis der allgemein gültigen Regeln.

Konsensentscheidungen wiederum halte ich für die „klimatisch“ besten und dadurch auch nachhaltigsten Entscheidungen. Möglichst alle, zumindest aber die allermeisten in Entscheidungen einbeziehen, Konsensentscheidungen treffen, anstatt einzelne oder auch mehrere einfach niederzustimmen. Niemand mundtot zu machen. Die vergessen das nie und man generiert so zunehmend Widerstand in der eigenen Gruppe.

Vertrauen zu schaffen gehört überhaupt zu den aufwändigsten Unterfangen, verlangt viel Zeit und Geduld. Aber es lohnt sich.

Claudia Wende: 15 Jahre .alf Schule (2008/2009)

Die .alf ist 15 Jahre alt! Und da ich Lehrerin an unserer Schule und fast von der ersten Stunde an in das Projekt .alf involviert bin, versuche ich einen kurzen Rückblick über die Geschichte unserer Initiative zu geben.

Angefangen hat alles vor nunmehr 16 Jahren in einer Kindergruppe im 14. Bezirk. Zu dieser Zeit arbeitete ich in ebendieser Kindergruppe als Betreuerin und studierte Pädagogik. Einige Eltern dort waren sehr engagiert und an einer alternativen Schullaufbahn für ihre Kinder interessiert, und sie beschlossen, für ihre Kinder eine Schule zu gründen. Somit war der Grundstein für das Projekt .alf gelegt.

Es wurde eine Wohnung mit Garten in einem Haus in Favoriten gefunden, in dem es im ersten Stock auch eine Kindergruppe gab. Mit großem Tatendrang und viel Liebe wurden die Räumlichkeiten adaptiert, nur um kurz darauf schon wieder viel zu klein zu werden. Glücklicherweise war im Nebenhaus das ganze Erdgeschoss zu mieten, ehemals Räume der Gebietskrankenkasse. Die .alfis zogen also um und wieder wurde hergerichtet und hergerichtet und hergerichtet (das Herrichten hört in Wirklichkeit nie auf…). Zu dieser Zeit, 1996, wurde ich als Lehrerin in der .alf angestellt.

Das anfängliche Konzept der Schule orientierte sich besonders an der Arbeit von Rebekka und Mauricio Wild. Wir arbeiteten sehr frei, versuchten so wenig wie möglich in den Tagesablauf der Kinder einzugreifen und eher nur als BeobachterInnen und BegleiterInnen den Kindern zur Seite zu stehen. Für viele Kinder und Eltern passte das sehr gut so, für andere weniger. Irgendwann entsprach das völlig freie Modell nicht mehr den Vorstellungen der meisten Kinder, LehrerInnen und Eltern. Es gab in der Erwachsenengruppe einen Prozess des Umbruchs und auch die Kinder forderten mehr verpflichtende Angebote und fixe Unterrichtsstunden. In dieser Zeit wurden die Grundzüge des bis heute bestehenden Pädagogischen Konzepts erarbeitet – und die Umsetzung hat wunderbar funktioniert! Der Tagesablauf wurde strukturierter, dennoch mangelte es nicht an frei einzuteilender Zeit und der Möglichkeit zur Selbstbestimmung für die Kinder. Manche Eltern, die das nicht wollten, verließen uns, anderen war es noch zu wenig strukturiert und sie verließen uns ebenso.

Und wie in jeder Initiative gab es natürlich auch LehrerInnenwechsel, sowohl freiwillig als auch durch Kündigungen. Bis wir wirklich zu dem fanden, wofür unsere Schule heute steht, mussten wir einige Krisen bestehen, aber seit vielen Jahren haben wir nun ein wirklich gut funktionierendes System, eine Mischung aus Freiarbeit, sozialem Lernen, Unterrichtsstunden, Wochenplänen, Projekten und zahlreichen kreativen und anderen Angeboten. Unter den Erwachsenen sind die Kompetenzen klar verteilt – die Eltern sind verantwortlich für die Organisation, die LehrerInnen für die Pädagogik. Und das hat sich bewährt, wir alle lieben unsere Schule! Auch nach so vielen Jahren gehe ich jeden Tag wirklich gerne in die .alf – langweilig ist es nie, täglich passieren unvorhergesehene Dinge (oft schöne, manchmal weniger erfreuliche…) und wir haben die liebsten Kinder der Welt!